10 Jahre eCommerce & bin ich mit 30 noch ein Jungunternehmer?

Foto Jan Griesel
23.07.2010 17:30
von Jan Griesel

Heute ist ein guter Tag, sich etwas Zeit zu nehmen und einmal zurückzublicken. Eigentlich ungewöhnlich, schließlich richtet man als Unternehmer seinen Blick eher nach vorn und hat das nächste Ziel ganz deutlich vor sich. Ich gehöre auch zu dieser Gattung – auch ich bin einer von kreativen Ideen getriebener Nach-Vorn-Blicker...

Ein Blick zurück wird gerne als möglicher Stillstand interpretiert, doch eine gelegentliche Reflexion der eigenen Entscheidungen kann zukünftige Entscheidungsfindungen verbessern oder die Zuversicht festigen, dass der eingeschlagene Weg offensichtlich der Richtige ist.

 

10 Jahre eCommerce und wie alles begann

Die ersten wirklichen Erfahrungen im Netz sammelte ich bei einem kleinen lokalen Provider während der Oberstufe und somit noch im letzten Millennium. In der Zeit war es für mich höchst interessant, mit einer 128k-Standleitung quasi durch das Netz zu fliegen und erste Erfahrungen mit gängigen Web-Programmiersprachen sammeln zu können. In der Zeit war es noch üblich, einfache Webseiten mit einer einfachen Warenkorb-Funktion zu entwickeln. Als Ergebnis erhielt der Händler eine meist kryptische Text-E-Mail mit den Eckdaten der Bestellung. Nach etwa der dritten Warenkorb-Entwicklung merkte ich an, dass es doch eine gute Idee sein würde, hierfür eine global einsetzbare Lösung zu entwickeln. Das Feedback meines Vorgesetzten war erstaunlich negativ: Jedes Produkt sei anders, also benötige man auch eigene und dafür optimierte Warenkörbe. Weiterhin sei das grundsätzlich alles viel zu aufwändig und würde viel zu lang dauern. Ich verfolgte diese Idee daher erst einmal nicht weiter.

 

eBay, die goldenen Jahre

Während des Studiums (Informatik) vermisste ich deutlich den Praxisbezug und machte mich daher in 2001 parallel zum Studium selbstständig. Ich generierte direkt einen interessanten Kontakt: einen eBay Power-Seller mit mehr als 350 Bestellungen täglich, welcher eine eBay-Abwicklung inkl. Webshop-Anbindung benötigte. Aus diesem Kontakt wurde ein langfristiges Projekt. Anfangs noch ohne direkte eBay-API-Anbindung (Schnittstelle) wurden Aufträge noch durch das Auswerten von eBay-Verkaufsbestätigungs-E-Mails generiert. Die ersten Meilensteine bestanden in einer rudimentären Auftragsabwicklung inklusive der automatischen Zuordnung von Zahlungseingängen und der Generierung von Rechnungen im Format PDF. Später folgte dann die Entwicklung eines damals noch recht einfachen Webshops. Parallel wurde eine erste Integration der noch recht jungen eBay-API vorgenommen, worüber auch das Listen von Auktionen möglich war. eBay war in diesen Jahren einfach eine kaum zu übertreffende Plattform: Da die Anzahl der Konkurrenten gering und die Reichweite von eBay bereits sehr groß war, stiegen die Umsätze meines ersten Händlers rasant an. Folglich wurde der Fokus dauerhaft auf eBay gelegt und der Ausbau des eigenen Online-Shops stark vernachlässigt. Dies hatte für diesen Händler leider dramatische Folgen: Das Geschäftsmodell wurde kopiert und die ursprünglich kleine Clique an Händlern in diesem Segment (Akkus und Handy-Zubehör) bekam Zuwachs. Die neuen Mitspieler wollten natürlich auch einen möglichst schnellen Markteinstieg erreichen und wendeten das einfachste Marketingkonzept an: Generierung großer Verkaufsmengen durch geringere Preise. Die bestehenden Marktteilnehmer, welche anfangs noch deutlich mehr als 100% Marge generieren konnten, zogen mit, um die erarbeiteten Marktanteile halten zu können. Dies war der Einstieg in einen dauerhaften Preiskampf, welcher sehr bald interessante Blüten hervorbrachte. Nachdem der Preis für einen gängigen Handy-Akku anfangs noch bei über 25,- EUR lag (Original-Preis des Herstellers betrug mehr als 40,- EUR), wurde dieser in mehreren Schritten auf 14,90 EUR und später gar auf unter 7,90 EUR abgesenkt. Für das gleiche Produkt? Nein! In den ersten Monaten handelte es sich um hochwertige Akku-Zellen aus Japan. Doch mit dem beginnenden Preiskampf hielten auch immer mehr minderwertigere Akkus aus China Einzug. Dadurch konnte der Einkaufspreis deutlich gesenkt werden und eine weitere Reduzierung des Preises auf eBay war möglich. Der Endkunde bemerkte im ersten Moment nichts von diesem Wechsel, da die Händler ihre Waren mit eigenen Marken-Etiketten versehen ließen. Erschreckende Züge nahm dieser Prozess in der letzten entscheidenden Phase an: Um den Preis noch weiter reduzieren zu können, wurde aus einem minderwertigen Akku mit einer Leistung von 600 mA (Milli Ampere) ein Akku mit 1200 mA und aus einer 800 mA Akku-Zelle eine mit 1400 mA. Nachdem dieses Fehlverhalten einiger Konkurrenten auffiel, wurde dies glücklicherweise über offizielle Wege geklärt. Dennoch waren die Preise am Boden und die ursprünglich solide Kapitaldecke meines ersten Händler-Kunden schmolz dahin, ohne letztlich sinnvoll durch Aktivitäten auf anderen Märkten investiert werden zu können. Eine Umkehrung des Preisverfalls war nicht mehr möglich, da immer wieder neue Händler auf eBay starteten und mit der gleichen Preisstrategie schnelle Umsätze erwirtschaften wollten.

 

Die Geburt der eigenen Geschäftsidee

Die in den ersten Jahren durch die Tätigkeit für den eBay Power-Seller gesammelten Erfahrungen, sowohl im Bereich der Arbeitsprozesse eines Online-Händlers, als auch im Bereich Marketing-Fehler und Produktplatzierung im Netz waren letztlich eine sehr gute Basis für eine eigene nachhaltige Geschäftsidee.

Die Ur-Version von plentymarkets beinhaltete bereits wichtige Prozesse der aktuellen Version. Jedoch waren diese nicht flexibel entwickelt worden, sondern an die Bedürfnisse dieses einen Händlers gekoppelt. Die gesammelten Erfahrungen halfen jedoch sehr dabei, eine allgemein einsetzbare eCommerce-Lösung von Grund auf neu zu entwickeln. Der Weg dahin war letztlich länger, als gedacht. Doch als sich ab 2004 erste Kunden für die damals noch sehr junge und rudimentäre Lösung fanden, konnten auch erste Mittel in personelle Ressourcen (damals noch Freelancer) investiert werden.

Das Hauptproblem in dieser Zeit war neben knappen personellen Ressourcen die immer wieder aufkommende Frage von Interessenten: „Sie sind eine One-Man-Show und wenn Sie morgen keine Lust mehr haben sollten, habe ich selbst das Nachsehen.“ Um für diese immer wiederkehrende Frage eine nachhaltige Antwort liefern zu können, mussten also eine vertrauensfördernde Geschäftsform und echte Vollzeitkräfte für die eigene Idee gewonnen werden. In 2006 wurde dieser Plan realisiert und es begann in kleinen Schritten, ein echtes Unternehmen zu wachsen.

 

Die ersten Monate der plentymarkets GmbH

Wer bereits einmal selbst ein Unternehmen gegründet hat, kennt die Sorgen und Probleme dieses sehr heiklen Prozesses. Die verfügbaren Ressourcen sind überschaubar und es müssen laufend Entscheidungen getroffen werden, welche sehr nachhaltige Folgen haben. Sei es bei der Preisgestaltung der eigenen Produkte, der Erfindung eines Markennamens oder der Anstellung der ersten Mitarbeiter. Natürlich ist man besonders in den ersten Monaten offen für jeglichen Rat von außen und verlässt sich noch nicht sehr auf die eigene Einschätzungsgabe. Leider erkennt man dabei schnell, dass nicht überall, wo "Berater" drauf steht, auch eine sinnvolle Beratung drin ist.

Eine besonders wichtige Fähigkeit, welche auch ich in dieser Zeit lernen musste, war: Mit Fehlentscheidungen umzugehen und bei wichtigen Entscheidungen besser die eigenen Erfahrungen einfließen zu lassen. Diese Fähigkeit, eine Fehlentscheidung zu akzeptieren und diese dann durch einen besseren und noch stärker motivierten persönlichen Einsatz auszugleichen, sollte für jeden Gründer das erste Ziel sein.

Ich bin heute sehr froh, diesen Prozess komplett durchlebt zu haben und mittlerweile ein sehr gut funktionierendes Team aufgebaut zu haben. Denn letztlich ist erst ein gutes Team der Garant für eine nachhaltig positive Unternehmensentwicklung und somit auch für ein gut funktionierendes Produkt.

 

Der erste wesentliche Meilenstein ist geschafft

Mein persönliches Ziel in den letzten beiden Jahren war: zu meinem 30. Geburtstag mind. 30 Mitarbeiter zu haben. Dieses Ziel habe ich erreichen können und dafür bin ich sehr dankbar. Aktuell arbeiten 35 Mitarbeiter täglich daran, plentymarkets weiterzuentwickeln und Sie, unsere Anwender und Kunden, durch ein deutlich gestiegenes Support-Angebot bei Ihrer ganz eigenen eCommerce-Erfolgsgeschichte zu unterstützen. Besonders die Entwicklungen der letzten 12 Monate waren überaus wichtig für die weitere positive Unternehmensentwicklung. In diesem Zeitraum wurden wichtige Entwicklungsschritte an plentymarkets vorgenommen und das Team durch fähige und motivierte Kollegen(Innen) weiter ausgebaut. Zudem engagierte sich vor über einem Jahr mein Bruder als zweiter Geschäftsführer in der plentymarkets GmbH. Die Verstärkung der Geschäftsführung und die damit verbundene gute Aufteilung der Aufgabenbereiche ist eine gute Basis für die nächsten Schritte der Unternehmensentwicklung.

 

Lorbeeren?

Nein, ich möchte mich nicht in dem bereits Erreichten sonnen und mich mit Lorbeerzweigen schmücken. Vielmehr sehe ich die aktuelle Situation als optimalen Ausgangspunkt für den nächsten Wachstumszyklus. Endlich haben wir eine gute personelle Basis zur Verfügung, um die weitere Entwicklung von plentymarkets mit solidem Tempo und guter Qualität voranbringen zu können.

Ich freue mich sehr darauf!

An dieser Stelle möchte ich Ihnen als Anwendern von plentymarkets für Ihre Treue danken. Ein besonderer Dank geht an meine Kolleginnen und Kollegen: Dank Eurem motivierten Einsatz können wir positiv in die Zukunft blicken! Nicht vergessen möchte ich mein persönliches Umfeld – meine Eltern und Freunde: Danke für die Unterstützung und das Verständnis dafür, dass ich nicht auf jeder Party dabei sein konnte. Mein liebster Engel – Anna – danke für den Freiraum, nicht um 17:30 Uhr pünktlich zuhause sein zu müssen und die Gewissheit, immer auf Dich zählen zu können.

 

Abschließend noch ein knapper visueller Rückblick bis zur ersten Station unserer gemeinsamen eCommerce-Bergtour



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